Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

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Geschichte der Romanistik in Halle

Institut für Romanistik

Geschichte des Instituts

Ursprünge

Die Ursprünge des Unterrichts romanischer Sprachen an der Martin-Luther-Universität Halle reichen bis ins 18. Jahrhundert, in Halle selbst noch weiter zurück. Wie schon vor der Gründung der Universität (1694) an der Ritterakademie, lag dieser Sprachunterricht zunächst in den Händen französischer und italienischer Sprachmeister.

Im Jahre 1816 wurde Ernst Wilhelm Gottlieb Wachsmuth, der 1811 in Halle eine der ersten im eigentlichen Sinne romanistischen Dissertationen in Deutschland verfaßt hatte, zum außerordentlichen Professor berufen. Bis zu seinen Weggang nach Kiel 1820 hielt er unter anderem Veranstaltungen zur klassischen Philologie, zum Englischen, Italienischen, Spanischen sowie zur "Grammatica universalis".

1821 bat dann, sich auf Wachsmuth berufend, der Hugenotten-Nachkomme Ernst Ludwig Blanc (1771-1866) um die Erteilung einer "Professur der südlich romanischen Sprachen", auf die er 1822 berufen wurde. 1833 wurde diese dann in die erste ordentliche Professur für "Romanische Sprachen und ihre Literatur" in Deutschland umgewandelt.

Blanc, der zu Beginn seiner Laufbahn durchaus noch Sprachmeister genannt werden kann, wandte sich neben der Grammatik später immer mehr der Literatur zu. An theoretischen Lehrveranstaltungen überwogen zunächst die Erläuterungen zur Literaturgeschichte, erst nach 1850 erhielten sprachwissenschaftliche Darstellungen über die praktische Grammatik hinaus ein größeres Gewicht. In der Literatur erscheint neben der in dieser Zeit vorherrschenden Betrachtung älterer Literaturdenkmäler immer auch schon die Beschäftigung mit Autoren der eigenen Gegenwart (z.B. Blanc im WS 1850/51 mit V. Hugo, 1802-1885) oder "Fast-Gegenwart" (Foscolo, 1778-1827). Eigenständig landeskundliche Veranstaltungen hielt laut Vorlesungsverzeichnis erstmals Böhmer im Wintersemester 1867/68.

Wichtige Grundlage der Ausbildung waren von Anfang an die Sprachübungen. Übungen in Französisch und Italienisch gab es seit Universitätsgründung, später kamen - mit geringerer Intensität und Kontinuität - Spanisch (ab 1834) und Portugiesisch (ab 1836) hinzu.

Entwicklung bis zum Zweiten Weltkrieg

Blancs unmittelbare Nachfolger waren Eduard Böhmer, der als Privatdozent der Theologie ab 1865 auch romanistische Vorlesungen hielt, und - von Ostern 1873 bis zu seiner Berufung nach Graz 1876 - der auch als allgemeiner Sprachwissenschaftler bekannt gewordene Hugo Schuchardt.

Noch in Schuchardts Zeit, durch Ministerialerlass vom 25. Oktober 1875 (nach anderen Quellen am 15. Oktober 1875), erfolgte die Gründung des Seminars für Romanische Philologie an der Königlichen Universität Halle-Wittenberg. Das Seminar wurde jedoch erst Ostern 1877 in vollem Maße mit Leben erfüllt, als Hermann Suchier von Münster nach Halle kam. Suchier - auch er Hugottennachkomme - leitete das Seminar von Herbst 1876 bis Ostern 1913, also 36 1/2 Jahre lang.

Nach der Seminargründung konzentrierten sich die wissenschaftlichen Übungen zunächst auf das Französische und das Okzitanische und waren meist noch nicht nach Fachgebieten getrennt. 1889 erfolgte die Einrichtung eines Lektorats für Italienisch durch Berthold Wiese, der wissenschaftlich zur italienischen Sprache und Literatur sowie zur italienischen Sprachgeschichte arbeitete.

Auch Katalanisch war zu dieser Zeit bereits vertreten: Bernhard Schädel, von 1904 bis 1911 in Halle tätig, bereitete mit seinen Arbeiten den Weg für weitere Studien zur Katalanistik in Halle. Eine spanische Abteilung im engeren Sinne wurde erst 1933 eingerichtet, es gab jedoch vorher immer auch Übungen zur spanischen, z.T. auch zur portugiesischen Sprache und Literatur. Daneben spielten auch Lehrveranstaltungen zur altfranzösischen Volksliteratur (Suchier), zum Italienischen (besonders Dante, aber auch Parini, Ariosto, Foscolo) eine Rolle. Andere romanische Literaturen (Rumänien, Spanien) wurden in geringerem Umfang berücksichtigt (Suchier, Wechßler).

1913 hatte Karl Voretzsch, der vor allem durch seine Handbücher zum Altfranzösischen bekannt geworden ist, in der Nachfolge von Hermann Suchier die Leitung des Seminars angetreten, die der 1914 bis 1917 vertretungsweise an Berthold Wiese übergab.
Von 1875 bis 1931 wurden 123 romanistische Dissertationen geschrieben.

Nach der Emeritierung von Karl Voretzsch (1935) und dessen endgültigem Ausscheiden im Jahre 1936 übernahm der zuvor in Innsbruck lehrende Werner Mulertt die Professur für Romanische Philologie und war bis Ende 1944 als Direktor des Romanischen Instituts tätig. Voretzsch wurde allerdings bis 1947 noch mehrmals gebeten, zur Sicherung der Kontinuität des Lehrbetriebs für kürzere Zeiträume die Professur wieder zu übernehmen, so 1939 und 1945 bis 1947 nach dem Tode Mulertts. Trotz großer politischer, finanzieller und verwaltungsbedingter Zwänge gelang es auch in den Kriegsjahren, den Lehrbetrieb durchgängig aufrechtzuerhalten und wissenschaftliche Studien zum Portugiesischen, Italienischen, Französischen und Spanischen zu betreiben.

Entwicklung bis 1989

Die Entwicklung des Romanischen Seminars der Universität Halle nach 1945 war in ganz besonderem Maße mit dem Namen Victor Klemperers verbunden, dessen Wirken nicht nur seine engeren Schüler prägte. Seine Vorlesungen zur Literaturgeschichte in den fünfziger Jahren waren Anziehungspunkt auch für Nichtromanisten und Nichtphilologen. Klemperer war mit seinem Sprachverständnis, seinen Ansprüchen an die Sprachkenntnisse seiner Studenten und seinem Ethos des Wissenschaftlers auch prägend für diejenigen seiner Schüler, die sich später der Sprachwissenschaft zugewandt haben.

In den sechziger Jahren übernahm das Romanische Seminar der Universität Halle unter seinem Direktor Ulrich Ricken - es hieß damals Lehrbereich, später Wissenschaftsbereich Romanistik - neben der normalen Ausbildung eine Vielzahl neuer Aufgaben. Die Durchführung von Intensivkursen in Französisch war Ausgangspunkt für eine beträchtliche Erweiterung des Personalbestandes und für die Begründung des guten Rufs auf dem Gebiet des Sprachunterrichts und seiner theoretischen Grundlagen. Anfang der siebziger Jahre lag die jährliche Immatrikulationszahl bei 60 bis 90 Studenten in drei bis vier Lehramtsfachrichtungen. Bereits seit den fünfziger Jahren war es wieder möglich geworden, dass der Sprachunterricht des Französischen in wesentlichen Anteilen von Muttersprachlern abgehalten wurde.
Daneben gab es - und dies musste besonders in den siebziger Jahren hartnäckig verteidigt und von Studenten immer wieder neu gefordert werden - Sprachunterricht, manchmal einen Lektürekurs, in den anderen romanischen Sprachen. Spanisch, Italienisch und Rumänisch waren dabei immer vertreten, Portugiesisch eher selten.

Mitte der siebziger Jahre wurde die Hallenser Romanistik durch zentralistische Maßnahmen reduziert. Als besonders folgenschwer erwies sich die Einengung auf die Lehrerausbildung in nur einer möglichen Fachkombination (Russisch/Französisch) und die verordnete Reduzierung der Romanistik auf die Fachrichtung Französistik. Mitte der achtziger Jahre wurde begonnen, dieser Entwicklung entgegenzuwirken und insbesondere die Hispanistik und die Italianistik zu entwickeln. Damit war der Boden bereitet für die breitere Entwicklung, die die Romanistik ab 1989 wieder nehmen konnte.

Hallenser Romanistik heute

Die Wende von 1989 zog personelle und strukturelle Veränderungen nach sich, in deren Folge die hallesche Romanistik sich heute als Institut mit drei sprachlich-literarisch-kuturwissenschaftlichen Schwerpunkten darstellt: Frankoromanistik, Hispanistik, Italianistik.

Dabei wird die Literaturwissenschaft mit dem Schwerpunkt Französisch und Italienisch sowie die italienische Kulturwissenschaft von Prof. Dr. Robert Fajen vertreten (sein Vorgänger bis 2010 war Prof. Dr. Heinz Thoma). Die spanische Literatur- und Kulturwissenschaft (Schwerpunkt Lateinamerika) wird von Prof. Dr. Thomas Bremer betreut. Die Sprachwissenschaft vertreten Prof. Dr. Ralph Ludwig (Schwerpunkt Französisch und Spanisch) und Prof. Dr. Edeltraud Werner (Schwerpunkt Französisch und Italienisch). Zusätzlich wurde das Fachspektrum durch die Landes- und Kulturwissenschaft erweitert, die von Prof. Dr. Dorothee Röseberg (Schwerpunkt Frankreich und Spanien) vertreten wird. Die Lehrerausbildung in den romanischen Sprachen wird von Prof. Dr. Eva Leitzke-Ungerer (Didaktik der romanischen Sprachen) betreut.

Damit zeichnet sich das Institut für Romanistik durch ein sehr ausgewogenes Verhältnis von Literatur- und Sprachwissenschaft sowie durch eine starke Verankerung von Landes- und Kulturwissenschaft in Lehre und Forschung aus (beides ist in der heutigen Universitätslandschaft keineswegs eine Selbstverständlichkeit).

Von 26.-29. September 2006 fand in Halle der 5. Kongress des Frankoromanistenverbandes statt, vom 3.-5.3.2016 der Deutsche Italianistentag (Deutscher Italianistenverband).

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